Die Pflegefamilie mit den Kindern aus dem Babyfenster

Vor 17 Jahren wurde in der Schweiz das erste Babyfenster geöffnet. Seither sind 22 Neugeborene hineingelegt worden. Zwei davon haben bis zur Adoption bei Familie MEIER* gelebt. Ein Besuch bei ihnen zu Hause in einem Berner Vorort.

Stefan und Mirjam Meier erinnern sich noch ganz genau an den Anruf von «Familynetwork». Wenige Stunden vorher wurde ein Mädchen in das Babyfenster des Oltener Kantonsspitals gelegt. Es war ein Montag. «Du hast mich danach im Büro angerufen und gesagt, wir müssen uns innerhalb einer Stunde entscheiden, ob wir das Neugeborene bei uns aufnehmen wollen oder nicht», sagt Stefan Meier und blickt aus dem Fenster.

Er sitzt mit seiner Frau auf dem kuscheligen Sofa im Wohnzimmer der 5½-Zimmer-Miet-Wohnung und erzählt. Sein 5-jähriger jüngster Sohn setzt sich daneben und blättert in einem Kinderbuch. Kurz darauf stürzen die beiden Älteren herein. Sie haben Hund Dodo Gassi geführt. Als sie hören, dass ihre Eltern die Geschichte von Lisa* erzählen, verschwinden sie wieder, um zu spielen. Sie kennen die Geschichte … immer wieder werden ihre Eltern danach gefragt, wie es war, ein Kind aus einem Babyfenster aufzunehmen.

«Wir wussten nicht, wie wir das prästieren werden»

Seit dem Anruf am besagten Montag sind viereinhalb Jahre vergangen. Die Familie hat schnell entschieden: Sie war bereit für das Neugeborene. Für Mirjam war schon lange klar, dass sie Pflegekinder aufnehmen will. Stefan hingegen war sich nicht so sicher. Für ihn war die Anfrage für diese Aufnahme auf Zeit eine gute Möglichkeit, dies zu testen. «Denn wir wussten ja nicht, wie wir das zusammen mit unseren eigenen drei Kindern prästieren werden», sagt der 37-Jährige.

Dann gings Schlag auf Schlag: Am Dienstag kommt die Zusage, dass das Neugeborene bei ihnen platziert wird. Am Donnerstag fährt Mirjam ins Kantonsspital nach Olten, um Lisa abzuholen. Auf dem Heimweg holt sie ihre eigenen, damals 5-, 3- und 1-jährigen Kinder ab, die bei einer Freundin auf sie gewartet haben. Ein emotionaler Moment: Voller Vorfreude rennen die drei auf den Kinderwagen zu, um Lisa zu sehen.

«Als wir das Mädchen dann aber in den Armen hielten und uns vorstellten, dass es ausser uns und dem Beistand auf dieser Welt gar niemanden hat, gab uns das schon zu denken.» So sehr, dass sich Mirjam und Stefan sogar überlegt haben, sich als Adoptiveltern anzubieten.

Sie taten es dann aber trotzdem nicht. Denn sie wussten: Für viele kinderlose Paare war es der grösste Wunsch, ein solches Kind zu adoptieren. Während es zu wenige Pflegeeltern gibt, wollen viele, vor allem kinderlose Paare, ein Kleinkind aus dem eigenen Land adoptieren. Im Unterschied zu Pflegeeltern haben sie Gewähr, dass das Kind bei ihnen bleiben kann. Rechtlich ist das Kind wie ein Eigenes gestellt.

In Gedanken bei der leiblichen Mutter

Die Gedanken von Mirjam waren nach der Aufnahme von Lisa immer wieder bei der unbekannten leiblichen Mutter. «Ich wusste, sie ist irgendwo da draussen und leidet jetzt an den Beschwerden, die eine Geburt mit sich bringt. Sie hat aber das Kind nicht, weil ich es in den Armen halte. Ich hätte ihr gerne gesagt, dass es ihrem Kind gut geht.» Das konnte sie nicht. Nie.

Das hat Mirjam geschmerzt. Denn die 36-Jährige war nie wütend auf die Mutter, die nicht selber für ihr Kind sorgte. Im Gegenteil. Sie habe sich immer wieder gefragt, in welcher unglaublichen Not sich die leibliche Mutter wohl befinde, dass sie ihr eigenes Kind zwar ausgetragen hat, die ganzen Schmerzen der Geburt auf sich genommen und es danach trotzdem in das Babyfenster gelegt hat. «Das macht keine Mutter leichtsinnig, irgendetwas muss passiert sein, sonst hätte sie anders entschieden, ihr Kind vielleicht später auf normalem Weg zur Adoption freigegeben. Aber aus irgendeinem Grund hat sie es nicht gemacht.» Den Grund erfuhr Mirjam nie.

Während Mirjam mit den unbekannten Frauen mitfühlt, haben viele andere kein Verständnis, dass Eltern ihre Kinder auf diesem Weg weggeben. Babyfenster sind umstritten und liegen in einer rechtlichen Grauzone. Offiziell hat sie der Bundesrat zwar «akzeptiert» und ablehnend auf einen politischen Vorstoss reagiert, der die Abschaffung forderte. Das Recht auf Leben überwiege das Recht auf Kenntnis seiner leiblichen Abstammung bei Weitem. Weil durch die anonymisierte Abgabe kein Rückschluss auf die leiblichen Eltern gemacht werden kann und auch keine schriftliche Adoptionsfreigabe vorliegt, stehen Babyfenster mancherorts trotzdem in der Kritik.

«Sie haben ja sonst nirgendwo einen Platz»

Das bekam auch Familie Meier zu spüren. Der absehbare Abschied sei eine Zumutung für ihre drei leiblichen Kinder, wurde ihnen vorgeworfen. Davon liessen sie sich aber nicht beirren, im Gegenteil: «Wir wollen unseren eigenen Kindern so auch vorleben, dass es wichtig ist, ein in Not geratenes Kind in unserer Familie aufzunehmen, sie haben ja sonst nirgendwo einen Platz», sagt Mirjam.

Ein Herzenswunsch von Mirjam, der aufgrund ihrer Erlebnisse in der eigenen Kindheit entstanden ist. Mirjam ist zusammen mit ihren drei Geschwistern in einem Heim aufgewachsen. Ihre Eltern waren Gruppenleiter in einem Schulheim, die Heimkinder ihre Freunde. «Ich merkte den Unterschied: Während wir Geschwister uns in unserer Familie zurückziehen konnten und dort eine Basis hatten, waren die Heimkinder im Grunde genommen auf sich selbst gestellt.»

Sie will Heime keinesfalls schlechtreden, die brauche es unbedingt. Für viele sei es der einzige Ausweg aus einem zerrütteten Elternhaus. Der erste Ort, an dem sie Liebe erlebten. «Doch ich bekam auch mit, wie meine Freunde unter den Wechseln der Bezugspersonen und Heimkinder litten. Sie hatten Mühe, wenn sie altersbedingt von der einen Gruppe in die nächste wechseln mussten.»

Und so fasste sie als Teenager den Entschluss: «Ich will mindestens einem Kind die Chance geben, in einer intakten Familie statt im Heim aufzuwachsen.» Auch beruflich engagierte sie sich im Sozialbereich: Mirjam wurde Sozialpädagogin und arbeitete bis zur Geburt ihres ersten Sohnes in einer Stiftung für berufliche und soziale Eingliederung, im Kinderbereich und im Drogenentzug.

Zwar blieb Lisa das Heim erspart, nicht jedoch der Familien-Wechsel. «Es wäre fürs Kind und die Adoptiveltern schön, wenn das Neugeborene direkt bei den künftigen Adoptiveltern untergebracht werden könnte», findet Mirjam.  Doch auch bei Babyfenster-Kindern wartet man die für die Adoption geltende gesetzliche Frist von drei Monaten bis zur Adoption ab und bringt sie zuerst bei Pflegeeltern unter. Drei der zweiundzwanzig Babyfenster-Kinder wurden in dieser Zeit von der leiblichen Mutter auch tatsächlich wieder zurückgefordert und kehrten zu ihr heim.

Erst nach etwa drei Monaten sucht die Vormundschaftsbehörde nach Adoptiveltern. Lisa war ein halbes Jahr alt, als sie nach der Kennenlernphase zu ihren Adoptiveltern ziehen konnte. Doch erst wenn ein Kind ein Jahr lang bei den Adoptiveltern gelebt hat und alles rund lief, kann die Adoption vollzogen werden. So lange hat die Mutter theoretisch die Möglichkeit, das Baby zurückzufordern. Eine unsichere Zeit für die künftigen Adoptiveltern. Familie Meier hingegen wusste von Anfang an, dass Lisa nur ein paar Monate bei ihnen verbringen wird.

«Natürlich sind Tränen geflossen»

Das habe den Abschied etwas leichter gemacht. «Aber natürlich sind Tränen geflossen und natürlich tat es weh, das Kind wieder ziehen zu lassen. Denn wir haben unser Herz an sie gehängt», sagt Mirjam nachdenklich und fügt an: «Sie wird immer einen Platz in unseren Herzen haben.» Trotz diesem traurigen Abschiedsmoment war die Trennung für Familie Meier vor allem ein Grund zur Freude: Darüber, dass Lisa in einer intakten Familie leben kann, wo sie sehnlichst erwünscht ist und geliebt wird. Und ihr das Heim erspart bleibt.

Nie werde sie den Moment vergessen, als die Adoptiveltern einen Monat vorher zum ersten Mal bei ihnen zu Hause vor der Tür standen. «Die Adoptiveltern waren sichtlich nervös, als sie ihre Adoptivtochter zum ersten Mal sahen. Und für mich war es sehr schön, ihnen das Kind vorzustellen, zu zeigen, wie man es wickelt, füttert, was es gerne mag und was nicht.»

Immer wieder seien die Adoptiveltern danach bei Familie Meier zu Besuch gekommen, um Lisa kennenzulernen. Dabei sei auch zwischen ihnen als Eltern eine Freundschaft entstanden. Nicht zuletzt dadurch war für Familie Meier klar: Sie sind offen, falls sie als Pflegeeltern wieder gebraucht werden.

Und das wurden sie: Einmal nahmen sie für drei Wochen einen zwei Monate alten Jungen auf, dessen Mutter eine Auszeit brauchte. Und im 2017 lebte Tim* ein halbes Jahr lang bei ihnen. Auch er war zuvor ins Babyfenster gelegt worden. Diesmal hatte auch Stefan keine Bedenken mehr, das Neugeborene aufzunehmen. «Die ersten Erfahrungen waren positiv und haben gezeigt, dass wir es als Familie schaffen. Zudem fragten wir unsere Kinder vorgängig, ob sie nochmals ein Kind auf Zeit aufnehmen wollen», sagt der Physiker.

Die Eltern schauen zu  ihrem leiblichen Sohn, der sich in der Zwischenzeit auch zu ihnen aufs Sofa gesetzt hat, und fragen ihn, wie es für ihn war. Der 9-Jährige schaut vom Buch auf, das er gerade liest. Es ist erst etwas mehr als ein Jahr her, seit sie Tim zu den Adoptiveltern brachten. Doch es war nicht das letzte Mal, dass sie den Jungen gesehen haben. Wie mit Lisa stehen sie auch mit Tim und seiner Familie noch in Kontakt, besuchten sie bei der Taufe und besuchen sie am Geburtstag oder auch einfach mal zwischendurch.

Ein Spielzeug-Auto als Geschenk

«Ich habe viel mit ihm ‹gschmüselet› und war schon traurig, als er nicht mehr da war», antwortet der 9-Jährige, fügt aber schnell an: «Aber ich bin auch froh, dass Tim jetzt eine neue Familie hat, in der er sich wohlfühlt.» Ab und zu schicke er ihm eine Zeichnung, «und ich habe ihm ein Spielzeug-Auto geschenkt», ruft sein 5-jähriger Bruder, der gerade ins Wohnzimmer springt und aufgeschnappt hat, was sein grosser Bruder erzählt. «Ja, ihr hattet ihn wirklich gerne und habt ihm stundenlang Geschichten erzählt», sagt Mirjam. Beim Gedanken an Tim strahlt auch die Sozialpädagogin: «Er war ein rundum zufriedener Junge, hat kaum geweint, sondern war einfach da und strahlte vor Freude.»

Für die ganze Familie Meier ist klar: Die positiven Erlebnisse mit Lisa und Tim überwiegen den Trennungsschmerz. «Und die entstandene Freundschaft mit den Adoptiveltern ist eine grosse Bereicherung», resümiert Mirjam Meier.

Ein weiteres Neugeborenes aus einem Babyfenster werden sie trotzdem nicht aufnehmen. Jedenfalls nicht jetzt. Der Grund dafür ist Mia*. Kurz nach Tims Weggang haben sie die Einjährige als Pflegekind auf unbestimmte Zeit bei sich in der Familie aufgenommen. Weil sich ihre leibliche Mutter nicht um sie kümmern konnte und kein Platz in einer Pflegefamilie gefunden wurde, lebte sie davor im Heim. Mit Mia hat sich der Herzenswunsch von Mirjam erfüllt. Und auch Stefan war dank der Erfahrungen mit Lisa und Tim bereit dafür.

Sie schliessen nicht grundsätzlich aus, später wieder einmal ein Neugeborenes aus einem Babyfenster aufzunehmen. «Im Moment bin ich mit den vier Kindern voll ausgelastet. Aber wer weiss, vielleicht irgendwann, wenn sie grösser sind …», sagt Mirjam und holt ein Bilderbuch hervor. Das Interview ist fertig und im Nu haben sich die vier Kinder zu ihr gesetzt und hören gespannt zu, wie sie aus dem Buch vorliest.

*Namen geändert

Text + Bild: Melanie Bär, Journalistin BR

 

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Nächster Informationsabend am Dienstag, 7. Mai 2019 um 19 Uhr bei uns in Zofingen. Einladung