«Wir haben uns zu wenig Gedanken darüber gemacht, welche Herausforderung der Familienwechsel für ein Pflegekind bedeutet.»

Gaby und Bernd Schoch*  hatten nie vor, ein Pflegekind aufzunehmen. Als dann aber für das Gspändli ihrer Tochter ein Platz gesucht wurde, nahmen sie das Flüchtlingskind kurz entschlossen bei sich auf. Nicht alles lief so, wie sie es sich vorgestellt hatten. Ein Fazit nach anderthalb Jahren.

Der Wohnwagen vor dem Einfamilienhaus der Familie Schoch steht bereit: Die Skikleider sind ausgeräumt, die Frühlings- und Sommersachen werden Stück für Stück eingeräumt. Am Wochenende wollen Schochs den Anhänger nämlich auf den Sommerstellplatz ins Welschland bringen. Im Winter stand er auf einem Campingplatz in Österreich, nahe der Skipiste. «Wir sind leidenschaftliche Skifahrer», sagt Gaby Schoch.

Auch wenn die Saison für sie dieses Jahr abrupt mit einem Bänderriss, Meniskusdefekt und vielen Schmerzen endete. «Wahrscheinlich muss ich noch unters Messer», fügt die 47-Jährige an und humpelt vom Wohnwagen ins Haus zurück, um weitere Kleider zu holen. Im Moment ist das Bein noch stark angeschwollen. Deshalb kann sie die Operation guten Gewissens noch etwas hinausschieben. Schliesslich wollen Schochs noch ihre Frühlingsferien geniessen und vorher den Wohnwagen ins Welschland fahren. Gemeinsam mit ihren elfjährigen Zwillingen und der zwölfjährigen Pflegetochter Amalia*.

Keine Regeln

Während ihre eigenen Kinder das Leben im Wohnwagen von Anfang an mochten, hatte Amalia anfangs grosse Bedenken. Sie war sich nicht gewohnt, auf so engem Raum zusammen mit anderen viel Zeit zu verbringen. Ihr ursprüngliches Familiensystem war ganz anders. Sie war früh auf sich selber gestellt und konnte tun und lassen, was sie wollte.

Die Mutter war viel unterwegs und so verbrachte auch Amalia viel Zeit bei ihren Kolleginnen aus dem Kindergarten und später aus der Schule. Eine von ihnen war Lisa Schoch*. Amalia tauchte immer öfter bei Familie Schoch auf und wollte abends gar nicht mehr heim. «Uns kam es ein bisschen komisch vor, dass sie abends um neun, zehn Uhr nicht nach Hause musste», sagt Bernd Schoch. Schliesslich war Amalia damals erst neun.

Behörden eingeschaltet
Nicht nur Familie Schoch fiel das auf, sondern auch anderen Familien im Dorf. Bei einer Familie stand Amalia eines Tages mitsamt Gepäck vor der Tür. Sie wollte sich bei ihr einquartieren. Die Familie nahm Amalia auf, schaltete aber gleichzeitig die Behörden ein. Weil Amalia partout nicht mehr nach Hause zur Mutter zurückwollte und diese mit der Betreuung überfordert war, suchten die Behörden schliesslich einen dauerhaften Pflegeplatz für die damals Neunjährige.

Die ersten Monate verbrachte sie bei der Familie, die die Behörden eingeschaltet hatte. Weil sie jedoch schon drei eigene Kinder hatten, wollten sie Amalia nicht für längere Zeit bei sich aufnehmen. «Ich bin mit dem Vater im Schulrat und er erzählte mir nach einer Sitzung, dass für Amalia ein Platz gesucht wird», erinnert sich Bernd Schoch. Er erfuhr auch, dass Amalia bei einer Familie im Nachbardorf hätte untergebracht werden sollen, diese dann aber doch einen Rückzieher machte. «Amalia könnte ja bei uns einziehen», dachte er und sprach am Abend mit seiner Frau darüber.

Feuer und Flamme
Nicht nur sie, sondern auch die Kinder waren sofort Feuer und Flamme, Amalia bei sich aufzunehmen. «Silvan wollte am Anfang sogar das Haus umbauen, damit Amalia auch ein eigenes Zimmer hat», erinnert sich Gaby Schoch zurück.

Familie wird durchgerüttelt

Das war Mitte November 2017. Zwei Wochen später besuchte Christine Beyeler von Familynetwork Familie Schoch. Das Sozialunternehmen hatte von den Behörden das Mandat für die Platzierung von Amalia erhalten und bereitete die Familie auf die bevorstehende Aufgabe vor. «Und sie wollte uns ‹einen Realitätsgewinn› geben, wie Christine Beyeler es ausdrückte», erinnert sich Bernd Schoch noch genau an die Worte der Sozialpädagogin zurück und fügt an: «Sie sagte uns auch, dass die Aufnahme eines Pflegekindes eine Familie echt durchrüttle und eine Herausforderung sei.»

Und so ist es dann auch tatsächlich gekommen. Trotz den Gesprächen und Kursen bei Familynetwork seien sie nicht wirklich auf das vorbereitet gewesen, was auf sie zugekommen ist. «Es ist ja auch nicht so, dass wir uns vorher mit dem Thema Pflegefamilie auseinandergesetzt haben. Wir wollten Amalia einfach helfen – ohne zu wissen, was da alles auf uns zukommt», so Gaby Schoch.

Persönliche und kulturelle Unterschiede
Die Ernüchterung kam rasch. Die persönlichen und kulturellen Unterschiede kamen bald zum Vorschein. Solche, die Amalia als Gast vorher nicht gezeigt hatte. Gaby erinnert sich an eine Szene in einem Laden beim Einkaufen, wo Amalia einen Tobsuchtsanfall bekam, weil es die gewünschte Turnhose in ihrer Grösse nicht mehr hatte. «Die elfjährige Amalia benahm sich wie eine Vierjährige und ich schämte mich richtig.» Auch Eifersüchteleien und Frustattacken waren an der Tagesordnung. Zudem war Amalia nicht gewohnt, sich an Hausregeln oder an Abmachungen zu halten oder zu einer bestimmten Zeit zu Hause zu sein.

Als Amalia im 2018 dann die ersten Sportferien mit Familie Schoch verbrachte, war ihr das enge Beisammensein im Wohnwagen unbehaglich. Es gab kaum Raum, um sich zurückzuziehen, keine Türe zum Schliessen und auch das Skifahren machte ihr am Anfang keinen Spass. «Das haben wir extrem unterschätzt», sagt Bernd Schoch und fügt an: «Wir haben uns zu wenig Gedanken darüber gemacht, welche Herausforderung der Familienwechsel für ein Pflegekind bedeutet.»

Verantwortung für jüngere Geschwister
Zum Wechsel der Bezugspersonen kam bei Amalia auch eine neue Kultur hinzu. Die mittlerweile 12-Jährige flüchtete vor acht Jahren mit ihren Eltern aus Eritrea in die Schweiz. Die Eltern leben inzwischen getrennt und Amalia wuchs bei ihrer Mutter und den beiden massiv jüngeren Geschwistern auf. Für sie musste Amalia schon früh Verantwortung übernehmen.

«In dieser Kultur herrscht ein ganz anderes Wertesystem als in der Schweiz. Amalia lebt in zwei Welten», sagen ihre Pflegeltern. Die Jugendliche sei zwar enttäuscht, wenn die Mutter zum abgemachten Zeitpunkt nicht erscheine, habe aber selber enorm Mühe, verbindlich und pünktlich zu sein.

Fast aufgegeben

Das war nicht nur für sie, sondern für die ganze Familie herausfordernd. «Wie Christine Beyeler von Familynetwork uns prophezeite, hat es unsere Familie tatsächlich durchgerüttelt und wir hätten im ersten halben Jahr ein paar Mal fast aufgegeben», sagen Gaby und Bernd Schoch ehrlich. Nachdenklich schaut Bernd Schoch aus dem Fenster und fügt an: «Wir haben uns auch zu wenig Gedanken darüber gemacht, mit welchen Herausforderungen unser Pflegekind konfrontiert war: Es weiss nicht, wohin es gehört, und hat ein total neues Umfeld. Wie schwierig das für Amalia war, haben wir massiv unterschätzt.»

Nach fast anderthalb Jahren hat sich mittlerweile vieles eingespielt. Zwar gibt es noch immer Knatsch und Eifersüchteleien zwischen den drei Kindern und gerade hatte Amalia Hausarrest, weil sie am Samstagabend nicht pünktlich nach Hause kam, sondern ohne Erlaubnis an eine Party ging. Doch mittlerweile hält sich Amalia an Grundregeln, die Ausraster halten sich im Rahmen und sie hat sogar Spass am Skifahren und an den Ferien im Wohnwagen. Auch von der Schule bekommen Schochs ein durchwegs positives Feedback.

Kein weiteres Pflegekind

Würden Schochs trotz Anfangsschwierigkeiten nochmals ein Pflegekind aufnehmen? «Ja, ich würde es wieder machen», sagt Bernd Schoch, ohne lange zu überlegen. Auch Gaby Schoch bejaht: «Für Amalia schon. Ich habe es von Anfang an für Amalia getan. Wenn sie dann allerdings selbstständig ist, kommt es für mich nicht infrage, nochmals ein Pflegekind aufzunehmen.»

Sagt es und humpelt Richtung Wohnwagen, um den Rest für die anstehenden Ferien einzupacken. Denn bis Amalia selbstständig ist, wird es noch ein paar Jahre dauern. Und bis dahin wollen sie noch ein paar schöne Ferienwochen mit dem Wohnwagen im Welschland und in Österreich verbringen.

Amalia vermisst

Weil Familie Schoch in diesen Frühlingsferien nach Asien flog, war Amalia für einmal nicht dabei. «Wir hätten sie gerne mitgenommen, aber sie bekommt kein Visum», sagt Bernd Schoch. Deshalb hat sie ihre Ferien diesmal nicht mit ihrer Pflege-, sondern bei einer Entlastungsfamilie verbracht. «Jetzt nach drei Wochen vermissen wir sie schon sehr. Und so wie wir gehört haben, freut sie sich auch schon darauf, wieder bei uns zu sein.»

Gut so, denn schon bald geht es für ein Wochenende auf den Campingplatz ins Welschland. Und dann ist Amalia wieder dabei. Gaby und Bernd Schoch freuts. Auch wenn sie mittlerweile wissen, dass das Zusammenleben mit Amalia auch in Zukunft nicht immer so harmonisch sein wird, wie sie es sich am Anfang vorgestellt hatten.

*Namen geändert

Text und Bild: Melanie Bär, Journalistin BR

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